Samstag, 23.03.08
Das erste Frühstück bei Maxim. Es gab Weißbrot mit kleinen Fischen belegt.
Maxim löffelte noch irgendwelches Auberginenzeug aus einer Dose, das ich aber vermied anzurühren. Ein Freund kam zu Besuch, der mit dem Herren des Hauses zu sprechen hatte und nebenbei mit uns tafelte. Er hatte zwei Goldzähne, machte einen sympathischen Eindruck und seine Augenpartie erinnerte mich an jemanden aus meiner Verwandtschaft.
Später Klaus und Johanna getroffen und zusammen zum Zarenpark gefahren. Unterwegs fragte ich Klaus, welcher Umgangston im öffentlichen Leben angeschlagen wird; ob den Sprüchen der Werbetafeln, den Hinweisschildern oder Durchsagen irgendwelche Tendenzen anzumerken seien. Klaus empfand alles als sehr höflich und formell. Er erzählte mir von Hinweisen, die per Lautsprecher während des langen Weges in den Untergrund die Leute auf den Rolltreppen erreichen sollen: man wird u.a. erinnert, zu Hause doch immer den Herd auszuschalten oder das Licht auszumachen. Ihm als Ausländer fielen diese Dinge noch hin und wieder auf, während die Russen diese endlosen Schleifen kaum noch zur Kenntnis nehmen würden. Ein schönes Beispiel gewaltloser Bärendressur.
Am Zarenpark befand sich ein größerer Markt für technische Geräte jeglicher Art. Überwiegend wurde mit Telefonartikeln gehandelt und vor den kleinen Shops standen junge und alte Händler in Bereitschaft alles zu kaufen und zu verkaufen, was ihnen buchstäblich in den Kram passt. Bei diesem Eindruck von Überangebot und Nachfrage mag man sich voreilig und naiv über die Herkunft dieser schier unüberschaubaren Menge von Einzelteilen und einstigen Neuigkeiten wundern. Das Flair des Marktes, der aus zwei parallel zueinander gelegenen Straßen bestand, kam mir als wahrhaft östlich vor und ließ eine spezielle Umtriebigkeit spüren.
Prunkstück des groß angelegten Parks mit See und modernem Musikhaus war die auf einer Anhöhe gelegene, rundum renovierte Zarenresidenz, zu der man wie auf einem flachen Vulkan emporsteigen musste. Der Touristenmagnet lag an einem Wäldchen, das Treffpunkt für Volleyballgenerationen und Schachgroßmeister war und insbesondere die auf gefrorenem Boden spielenden Netzballcracks hatten es unserem Brrzz schwer angetan.
Neben den friedlich Vereinten hielt der Weltzustand die Balance in Form von jugendlichen Flaschenkindern, die von der anwesenden Miliz einkassiert wurden.
Für den Abend hatte uns Maxim zu einem Konzert von Galina Soundso eingeladen. Johanna und ich begaben uns zu der Adresse, warteten eine halbe Stunde, um mit dem Vierpersonenfahrstuhl das Restaurant mit Bühne zu erreichen (einziger Zugang) und sahen in Gesellschaft Maxims, seiner Freundin und einem Kollegen samt Familie den reibungslosen Auftritt einer Liedermacherin, die mit der Zeit kaum mehr eine Strophe alleine sang, da, durch die Folklore angeregt, etwas wie die russische Seele den Raum als gemeinsames Band durchzog und im Mitsingen seinen Ausdruck fand.
In unserer Nähe saß ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, der offensichtlich versetzt wurde. Auf seinem Tisch stand neben seiner Mahlzeit noch eine andere, die bis zuletzt unangerührt blieb. Daneben ein volles Glas mit einem Strohhalm darin, das ebenfalls nicht mehr geleert werden sollte. Nachdem sich seinerseits wahrscheinlich einige Gewissheit eingestellt hatte, bestellte er sich einen Cognac und suchte Trost bei Galinas Liedern, welche er fortan halb schwermütig, halb aufmunternd trotzig, energisch, aber doch mehr für sich und dabei textsicher wie jeder andere um ihn herum, mitbrummte.
Maxim überredete später seinen peruanischen Kollegen zu einer kleinen nächtlichen Tour durch Moskau und nach der Besichtigung eines Triumphbogens, einer Kirche und einiger Kriegsmonumente, vor denen sich Maxim in ungeheurer Pose in Szene setzte, wie ich es schon bei seinen Urlaubsbildern zu jeder Tages und Nachtzeit bewundern durfte, nach all dem ging es für Johanna mit falschem Pass zurück ins dormitory und ich fuhr mit in Maxens Küche, um zu später Stunde erleben zu müssen, wie zum ersten und letzten Mal bissiger Zorn in Maxim aufstieg, als sich seine Freundin erdreistete, die Wiederholung irgendwelcher Fußballspiele nicht nur zu verlachen, sondern sogar mit bodenlos schlechter russischer Fernsehunterhaltung à la Seifenoperei zu unterbrechen.
In jeder Hinsicht schlimm.
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