Dienstag, 1. Juli 2008

Der Moskauer Stuhlsturz

Seine Brzzzigkeit stellte mir eine Reihe erlesener Kammermusiken vor und war in besonders ausgelassener Stimmung. Ein Stück versetzte ihn dabei in eine derartige Verzückung, dass er nicht anders konnte, als einem Gummiball gleich in den eigenen winzigen vier Wänden toll umher zu springen, währenddessen er eine Schüssel voller gesunder Sachen – die seine getreue Schwester ihm angerichtet hatte – in den Händen hielt.
Schon bald genügte seinem inneren Antrieb nicht einmal mehr die Sphäre und er sprang mit einem Satz auf den einzigen Stuhl in seiner Bleibe, wohl in der unbewussten Hoffnung, dem Himmel etwas näher zu kommen – nebenbei noch immer die gute Mahlzeit verzehrend und wenn mich im Nachhinein nicht alles täuscht, benutzte er dazu hölzerne Essstäbchen.
Kaum einen Wimpernschlag später dann das entsetzliche Malheur.
Der alte Stuhl hielt dieses Gebaren für untragbar und nach einer abrupten, heftigen Links-rechts-Bewegung fiel der spektrale Gründervater samt Gemüse gen Boden der Tatsachen.
Folgendes machte diesen Sturz in meinen Augen zu einem europäischen Ereignis.
Das als Mischwesen weltgewandter Fazilität und übermütiger Kindlichkeit bekannte Künstlersubjekt machte im Fallen ein Gesicht, dessen Ausdruck in jenem Moment gerade kein kindischer gewesen war: das der Freude.
Ich saß in unmittelbarer Nähe und seine zugekniffenen Augen und mein offener Mund standen sich für einen Sekundenbruchteil direkt gegenüber, nämlich während der Gefallene mehr als nur ungefähr waagerecht in der Luft stand.
„Alles was wir haben...“
Doch dieses Hier und Jetzt wurde mit dem Aufprall partiell stark beschädigt.
Materiell hat ihn der Übermut die Schale gekostet und vor allem einen guten Teil seines Ellenbogens, der beim reflexartigen Versuch sich am Schreibtisch zu fangen stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Das Vertrauen des Stuhls war ebenfalls dahin.
Die Krönung: Er stand daraufhin am Waschbecken und spülte die Wunde aus; ohne merkbaren Witz dann der göttliche Satz: „hör dir den Chorus an!“

Ein Tag, Galina Soundso, Zorn

Samstag, 23.03.08

Das erste Frühstück bei Maxim. Es gab Weißbrot mit kleinen Fischen belegt.
Maxim löffelte noch irgendwelches Auberginenzeug aus einer Dose, das ich aber vermied anzurühren. Ein Freund kam zu Besuch, der mit dem Herren des Hauses zu sprechen hatte und nebenbei mit uns tafelte. Er hatte zwei Goldzähne, machte einen sympathischen Eindruck und seine Augenpartie erinnerte mich an jemanden aus meiner Verwandtschaft.
Später Klaus und Johanna getroffen und zusammen zum Zarenpark gefahren. Unterwegs fragte ich Klaus, welcher Umgangston im öffentlichen Leben angeschlagen wird; ob den Sprüchen der Werbetafeln, den Hinweisschildern oder Durchsagen irgendwelche Tendenzen anzumerken seien. Klaus empfand alles als sehr höflich und formell. Er erzählte mir von Hinweisen, die per Lautsprecher während des langen Weges in den Untergrund die Leute auf den Rolltreppen erreichen sollen: man wird u.a. erinnert, zu Hause doch immer den Herd auszuschalten oder das Licht auszumachen. Ihm als Ausländer fielen diese Dinge noch hin und wieder auf, während die Russen diese endlosen Schleifen kaum noch zur Kenntnis nehmen würden. Ein schönes Beispiel gewaltloser Bärendressur.
Am Zarenpark befand sich ein größerer Markt für technische Geräte jeglicher Art. Überwiegend wurde mit Telefonartikeln gehandelt und vor den kleinen Shops standen junge und alte Händler in Bereitschaft alles zu kaufen und zu verkaufen, was ihnen buchstäblich in den Kram passt. Bei diesem Eindruck von Überangebot und Nachfrage mag man sich voreilig und naiv über die Herkunft dieser schier unüberschaubaren Menge von Einzelteilen und einstigen Neuigkeiten wundern. Das Flair des Marktes, der aus zwei parallel zueinander gelegenen Straßen bestand, kam mir als wahrhaft östlich vor und ließ eine spezielle Umtriebigkeit spüren.
Prunkstück des groß angelegten Parks mit See und modernem Musikhaus war die auf einer Anhöhe gelegene, rundum renovierte Zarenresidenz, zu der man wie auf einem flachen Vulkan emporsteigen musste. Der Touristenmagnet lag an einem Wäldchen, das Treffpunkt für Volleyballgenerationen und Schachgroßmeister war und insbesondere die auf gefrorenem Boden spielenden Netzballcracks hatten es unserem Brrzz schwer angetan.
Neben den friedlich Vereinten hielt der Weltzustand die Balance in Form von jugendlichen Flaschenkindern, die von der anwesenden Miliz einkassiert wurden.

Für den Abend hatte uns Maxim zu einem Konzert von Galina Soundso eingeladen. Johanna und ich begaben uns zu der Adresse, warteten eine halbe Stunde, um mit dem Vierpersonenfahrstuhl das Restaurant mit Bühne zu erreichen (einziger Zugang) und sahen in Gesellschaft Maxims, seiner Freundin und einem Kollegen samt Familie den reibungslosen Auftritt einer Liedermacherin, die mit der Zeit kaum mehr eine Strophe alleine sang, da, durch die Folklore angeregt, etwas wie die russische Seele den Raum als gemeinsames Band durchzog und im Mitsingen seinen Ausdruck fand.
In unserer Nähe saß ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, der offensichtlich versetzt wurde. Auf seinem Tisch stand neben seiner Mahlzeit noch eine andere, die bis zuletzt unangerührt blieb. Daneben ein volles Glas mit einem Strohhalm darin, das ebenfalls nicht mehr geleert werden sollte. Nachdem sich seinerseits wahrscheinlich einige Gewissheit eingestellt hatte, bestellte er sich einen Cognac und suchte Trost bei Galinas Liedern, welche er fortan halb schwermütig, halb aufmunternd trotzig, energisch, aber doch mehr für sich und dabei textsicher wie jeder andere um ihn herum, mitbrummte.
Maxim überredete später seinen peruanischen Kollegen zu einer kleinen nächtlichen Tour durch Moskau und nach der Besichtigung eines Triumphbogens, einer Kirche und einiger Kriegsmonumente, vor denen sich Maxim in ungeheurer Pose in Szene setzte, wie ich es schon bei seinen Urlaubsbildern zu jeder Tages und Nachtzeit bewundern durfte, nach all dem ging es für Johanna mit falschem Pass zurück ins dormitory und ich fuhr mit in Maxens Küche, um zu später Stunde erleben zu müssen, wie zum ersten und letzten Mal bissiger Zorn in Maxim aufstieg, als sich seine Freundin erdreistete, die Wiederholung irgendwelcher Fußballspiele nicht nur zu verlachen, sondern sogar mit bodenlos schlechter russischer Fernsehunterhaltung à la Seifenoperei zu unterbrechen.
In jeder Hinsicht schlimm.
Dopes Tagebuch,

Zwei herausragende Männer nahmen uns bei der Ankunft am Airport Vnukovo gebührend in Empfang. Zum einen, lautstark und in gewohnt brzziger Weise, K.l.a.u.s, unser tanzender Bär, Slawistiker und dazu Mütterchen Russlands liebstes Adoptivkind auf Zeit. Zum anderen Aruschan Aruschanowitsch Wartumjan, mit Klaus der Hauptgrund dieses Besuchs, dessen ausladende Geste beim Anblick seines Sohnes A.A.W. allein schon gute Sachen versprach.
Man stellte sich vor und wurde vorgestellt (ich bekam von A.A.W. sen. ein paar kräftige Schläge unverzüglich entwickelter Zuneigung auf den Nacken). Es gab da noch einen Bekannten, der uns bequemerweise im Jeep Richtung Zentrum fahren sowie im Verlauf der ersten zwei Tage eine entscheidende Rolle spielen sollte.
Klaus war als Übersetzer unabkömmlich, weil man sonst auf beiden Seiten nur über die gemeinsame Sprache des Lächelns und der verbindlichen Schläge auf den Nacken verfügte.
Schon vor den Toren der Stadt bedeckte brauner Staub den Himmel und definierte den farblichen Ton der Umgebung.
Smog kroch ins Fahrzeug und der Großteil der Gefährte war überzogen mit einer aggressiven Schicht desselben Materials, das mit größerer Annährung an den Kern der Metropole zunehmend die Sonne ausschloss.
Man trennte sich bald nahe des luxuriösen Hotels Aurora, einen Handgranatenwurf entfernt vom Roten Platz und stand endlich auf echtem Boden russischer Ungewissheit.

Auftakt im house of science.


Klaus nahm mich mit zu einem Treffen mit Valentina Michaelowka, einer etwa fünfzig jährigen Dozentin für Sprachen in einer Industrie besetzten Stadt weit außerhalb Moskaus. Wie sich beide kennen gelernt haben und was der Kitt dieser Beziehung war, stand für mich seit den ersten Minuten der Zusammenkunft mit Valentina Michaelowka für immer in den Sternen. Nicht dass sie unsympathisch gewesen wäre, im Gegenteil. Aber schon ihre gelbe Regenjacke, mit der Aufschrift: es geht immer besser mit Wolfgang Schüssel und die über-quirlige Art und Weise wie sie mit Johanna, Klaus´ Schwester, sprach, die hinzukam und sowohl ihr als auch mir bis dahin unbekannt war, machten sie zu nichts Geringerem als einer absolut esken Person.
Es sollte in ein Theater gehen und nachdem kurzerhand entschieden wurde, dass man sicher alle kartenlosen Ausländer in das Schauspielhaus wird hinein organisieren können, fanden sich im Anschluss zwei Spektralmember plus Familienanhang und Valentina Michaelowka vorneweg in einem mit viel Prunk aber wenig Geschmack ausgestatteten Salon wieder und wurden die darauf folgenden zwei Stunden mit großer Kunst abgespeist. – Zunächst Schubert von jungen Leuten am Flügel, dann u.a. „die Ode ans Bett“ von noch jüngeren Leuten sehr schulmäßig und gezwungen vorgetragen, alle Beiträge zwischendurch von einer gereiften Dame mit eigener(?) Lyrik verbunden, die wohl durchaus auch ihre kecken Stellen hatte, – soviel wurde dem lächelnden Ausländer jedenfalls hin und wieder vom Amüsement des Publikums verraten. Dieselbe Menschenansammlung, so gering ihre Zahl auch war, erzeugte während jeder Darbietung eine derartige Geräuschkulisse, dass eine Atmosphäre entstand, wie sie in einer voll besetzten Marschrutka, auf der Autobahn, bei eingeschaltetem Klassikradio nicht hätte intimer sein können. Lautes Flüstern, offenes Gelächter, Digitalkameras (eine große Bereicherung für den Kunstsinn aller, dass eine Frauenperson jedes Bild, das sie soeben gemacht, sofort auf seine Würdigkeit hin untersucht hat und dabei auch noch diesen brillanten Signalton benutzte, der ihr den Hinweis gab, in der Tat ein und dasselbe Motiv ein Dutzend Mal abgelichtet zu haben), am schönsten das permanente Surren des unweit der kleinen Bühne stehenden Lautsprechers, der gegen Ende das vermeintlich unterhaltsame Gezirpe einer Luftvioline hervorbringen sollte (ein eskes Instrument, irgendwo zwischen Avantgarde und untergründigem Bastlertum). Allerdings war das kunstbeflissene Publikum durchaus nicht geneigt, dieser befremdenden Einlage mehr Resonanz entgegenzubringen, als es der Anstand gebot. – Schließlich wurde das eigene Kind im Konservatorium von russischer Hand einst dermaßen hart geschmiedet, dass es einer Ohrfeige gleich käme, diesen in den elektromagnetisch geladenen Äther gefiedelten Melodien anders als mit heiterem Gleichmut entgegenzukommen.
Der Höhepunkt der Störgeräusche war der Auftritt des Pink Panthers respektive seiner Titelmelodie, die aus der Handtasche Valentina Michaelowkas klang. Sie war bemüht, das Telefonat selbst kurz zu halten.
So konnte man dem Flügel die wallenden Bässe so laut abnötigen wie es nur irgend ging, konnte seine paar Verse aus voller Brust singen bis die Kronleuchter zu wackeln anfingen – das Unterholz blieb über-hörbar.
Wo war man noch gleich?
Schluss, aus. Ein letzter Gang durch das Haus der Wissenschaft. Uns wurde noch eine Art Mensa gezeigt, die einem Zarenpalast in Sachen Prunk in nichts nachstand, Menschen ließen sich auf breiten, edlen Möbeln in Uniform ablichten oder saßen in einer Ecke und schielten sich gegenseitig in die mitgebrachten Poeme. Im Nachhinein liegt die Befürchtung nahe, dass man plötzlich und aufs schwerste einen gepuderten Romancier aus dem 18.ten Jahrhundert hätte anrempeln können, unsicher, über wessen Anwesenheit man sich mehr hätte wundern sollen.
Die ersten beiden Nächte bei Klaus im dormitory verbracht, nachdem sich Couchsurfer Alf während eines kurzen Telefonats als unzurechnungsfähig erwiesen hatte.
Später, auf meinen Ausweis wartend, um alle Wachposten passieren zu dürfen, sprich den Stuhl mit der Zeitung drauf und das störrische blinde Duo innerhalb, stand ich zur Geisterstunde alleine vor diesem Prahlwerk ehrgeiziger Sowjetarchitektur, die zu massiv ist, als dass man sie einzig als Restbestand bezeichnen sollte. Es dauerte eine Weile bis Klaus wieder ausgespuckt wurde und unterdessen hatte ein Romantiker zu mir gesprochen, dass es doch rührend sei, dass einem der Mond überallhin folgt...

Jermaine, Don Quijote, China town, Maxim


Yeahs.
Brrzz führte mich durch die Eingeweide seiner gigantomanischen Herberge zu einer Schwimmhalle, um Homie Jermaine zu treffen, einen Snack einzuführen und wie von einer Galerie aus das sportliche Getue im Bassin zu verfolgen. Ein alter coach pfiff und stoppte Nicht-Augenweiden, Ökonomen, Informatiker, Mathematiker und Wasserballathleten. Jermaine, ein Globetrotter aus L.A, der u.a in Las Vegas studiert hat (man war und ist geneigt, es als esk zu bezeichnen) und seitdem Asien und Europa bereist, hängt in Moskau öfter mit Brrzz rum, zeigt ihm 80er Jahre Funk und wird neben K.l.a.u.s so ziemlich der einzige dope Typ im boogie down Studentenhorst sein.
Am Abend ging es in ein kleines Theater, das einst großes Ansehen genossen haben soll. Ein junges Ensemble gab eine eigenwillige Interpretation des Don Quijotes (wo grade dieser Zeitungsjargon angeschlagen wird: Klaus sagt, sein Russisch wäre eine Mischung aus Kindersprache und Tageszeitung). Hustler Brrzzz gab uns ein Rätsel auf: nämlich herauszufinden, welche Aktrice er seit einiger Zeit sein Eigen nennen durfte.
Des Rätsels Lösung wurde uns nach der Vorstellung vorgestellt und man stärkte sich noch gemeinsam in einem Neo-Kaffeehaus mit Wasser und Obst. (Ein paar Tische weiter ein jammerndes junges Mädchen, der ebenso jugendliche Freund versuchte zu trösten, half nichts)
Im Anschluss traf man sich noch mal mit Jermaine in Kitai Gorod, China Town.
Das nächtliche Ambiente sehr unchinesisch, mehr wie in Moskau.
Wir landeten in einem recht smoothen Kneipenrestaurant und der Kellner und ich traten auf in den Rollen des Wladimir und Estragon. Mein Essen kam nicht.
Ein Glück, dass Couchsurfer Maxim, den ich nach Mitternacht aufgesucht hatte, eine Freundin besaß. Denn so wurde ich schließlich doch noch mit einem gutem Nachtmahl versorgt, während mir host for the first time Max aufgedreht alle Mitbringsel seiner bisherigen Reisen erklärte. Sein nervöser Anspruch an sich selbst, seinem Gast die größtmögliche Aufmerksamkeit entgegenzubringen, ließ ihn wiederholt zu Formulierungen greifen wie: „Ok, eh, what else, eh?“.