Dienstag, 1. Juli 2008

Der Moskauer Stuhlsturz

Seine Brzzzigkeit stellte mir eine Reihe erlesener Kammermusiken vor und war in besonders ausgelassener Stimmung. Ein Stück versetzte ihn dabei in eine derartige Verzückung, dass er nicht anders konnte, als einem Gummiball gleich in den eigenen winzigen vier Wänden toll umher zu springen, währenddessen er eine Schüssel voller gesunder Sachen – die seine getreue Schwester ihm angerichtet hatte – in den Händen hielt.
Schon bald genügte seinem inneren Antrieb nicht einmal mehr die Sphäre und er sprang mit einem Satz auf den einzigen Stuhl in seiner Bleibe, wohl in der unbewussten Hoffnung, dem Himmel etwas näher zu kommen – nebenbei noch immer die gute Mahlzeit verzehrend und wenn mich im Nachhinein nicht alles täuscht, benutzte er dazu hölzerne Essstäbchen.
Kaum einen Wimpernschlag später dann das entsetzliche Malheur.
Der alte Stuhl hielt dieses Gebaren für untragbar und nach einer abrupten, heftigen Links-rechts-Bewegung fiel der spektrale Gründervater samt Gemüse gen Boden der Tatsachen.
Folgendes machte diesen Sturz in meinen Augen zu einem europäischen Ereignis.
Das als Mischwesen weltgewandter Fazilität und übermütiger Kindlichkeit bekannte Künstlersubjekt machte im Fallen ein Gesicht, dessen Ausdruck in jenem Moment gerade kein kindischer gewesen war: das der Freude.
Ich saß in unmittelbarer Nähe und seine zugekniffenen Augen und mein offener Mund standen sich für einen Sekundenbruchteil direkt gegenüber, nämlich während der Gefallene mehr als nur ungefähr waagerecht in der Luft stand.
„Alles was wir haben...“
Doch dieses Hier und Jetzt wurde mit dem Aufprall partiell stark beschädigt.
Materiell hat ihn der Übermut die Schale gekostet und vor allem einen guten Teil seines Ellenbogens, der beim reflexartigen Versuch sich am Schreibtisch zu fangen stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Das Vertrauen des Stuhls war ebenfalls dahin.
Die Krönung: Er stand daraufhin am Waschbecken und spülte die Wunde aus; ohne merkbaren Witz dann der göttliche Satz: „hör dir den Chorus an!“

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